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Mütter

Gedichte

AN DAS NOCH UNGEBORENE

Wie wirst du heißen
wie wirst du sein
kleines lebhaftes Kind
für einige Wochen noch
vor der weiten Welt verborgen
Jetzt bist du noch ganz Mensch
nur wachsen wirst du noch
Du bist behütet und geborgen
und ich weiß dass du jetzt schon
von allen die dich erwarten geliebt wirst
du kleines Menschenkind
Wir fühlen dich noch nicht
als Mädchen oder Junge
weil du in deiner Einzigartigkeit
eine Überraschung werden willst
So warten wir
und sehen dich in Gottes Hand
schon bevor du
deine ersten Bewegungen machst
Ich wünsche dir
dass du gesund
deinen ersten Schrei tust
dann wirst du ganz bald
ersehntes Kind
umgeben von
Zärtlichkeit und Liebe
auch den ersten Schritt
auf dieser Welt tun.

12 Wochen

25 Wochen



Brief einer Mutter an ihr abgetriebenes Kind


Mein liebes Kind,
ich durfte 8 Wochen mit dir teilen, 8 Wochen hatte ich dich in meinem Bauch und letztendlich habe ich mich gegen dich entschieden. Ich habe dir keine Chance gegeben, geboren zu werden, zu wachsen, zu lachen und die Welt zu entdekken. Und ich habe mir selbst keine Chance gegeben, dich im Arm zu halten, dich kennen zu lernen und dir eine gute Mama zu sein.
Du kamst in einem Augenblick in mein Leben, wo ich nicht damit umgehen konnte, wo ich nicht erkannt habe, was für ein Geschenk und Bereicherung du für mich gewesen wärst. Und ich habe mich letztendlich gegen dich entschieden, aus Angst und Panik und weil ich einfach so verzweifelt war. Weil alle vernünftigen Gründe gegen dich gesprochen haben – nur mein Herz kennt keine Vernunft. Und mein Herz habe ich unterdrückt, so sehr, dass ich am Schluss nicht mal dein Herz schlagen sehen durfte. Ich weiß nicht, ob das etwas geändert hätte.
Mein Entschluss gegen dich ist gefallen und nun muss ich damit leben, dich getötet zu haben, einen kleinen Menschen mit Armen und Beinen, mit Augen und einem Mund, mit Genen, in denen schon deine Augen- und Haarfarbe festgelegt war und deine Talente und Vorlieben. Du bist ein Wunder und ich wollte dich nicht. Heute bereue ich es zutiefst. Ich wünsche mir nichts mehr, als dich in mir zu tragen und zu sehen, wie du wächst. Ich möchte so gerne wissen ob du wirklich ein Junge geworden wärest. Der Gedanke, dass du jetzt vielleicht eine namenlose Seele bist, macht mich traurig. Ich würde dir so gerne einen
Namen geben, bist du wirklich ein Junge? Und wo bist du jetzt? Diese und so viele andere Fragen gehen mir durch den Kopf. Und niemand wird sie mir je beantworten können.
Hast du Schmerzen gehabt, hast du gefühlt, was mit dir passiert? Lebst du weiter? Und die allerwichtigste Frage: Kannst du mir verzeihen, dass ich dich nicht lieben wollte? Ich hab versucht, ein Gefühl für dich zu entwickeln, für dieses kleine Wesen in mir, und ich habe es nicht geschafft. Du warst mir fremd und hast mich irritiert. Du durftest einfach nicht da sein. Nicht jetzt, nicht von einem Mann, den ich nicht liebe und der sicher nicht dein Papa sein wollte. Nicht alleine und ohne Geld. So viele Gründe, die dagegen sprachen, dich zu lieben und dich zu wollen. Und trotzdem habe ich tief in mir gewusst, dass es ein Fehler ist, dich wegzuschicken. Und ich habe es getan, aus lauter Angst. Der einzige Mensch, der mir vergeben könnte, bist du. Ich vermisse dich, manchmal sogar körperlich, und ich verstehe mich selber nicht. Wie konnte ich über dein Leben entscheiden? Wie konnte ich bestimmen, dass du niemals die Sonne auf deiner Haut fühlen darfst, riechen und schmecken, laufen lernen und sprechen? Dass du nie die Welt begreifen lernst und niemals Mama zu mir sagst?
Ich habe mehr zerstört als ich in Worte fassen kann, du warst ein vollständiger kleiner Mensch und ich habe dir dein Recht genommen, geboren zu werden. Du bist gestorben, bevor du geboren warst. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder glükklich sein kann, ob ich jemals wieder heil werden kann.
In Liebe, deine Mama


15.03.2008 | lebe@tele2.it

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